Fördern statt Wiederholen und Abbrechen!

Antrag

Fördern statt Wiederholen und Abbrechen!

Das Referat und Bildung und Sport wird gebeten darzustellen:

1. wie sich an städtischen Schulen zwischen den Schuljahren 2008/2009 und 2010/2011 die Zahlen jener Schülerinnen und Schüler entwickelt haben, welche das Klassenziel nicht erreicht haben, die Klasse wiederholt haben bzw. die Schullaufbahn an der bisherigen Schulart abgebrochen haben – dabei sind u.a. folgende Punkte zu berücksichtigen:

a. Differenzierung nach Schularten

b. Differenzierung nach Jahrgangsstufen

c. Spreizung innerhalb einer Schulart nach einzelnen Schulen sowie überdurchschnittliche Veränderung der Quoten an einzelnen Schulen (ggf. mit Berücksichtigung von Faktoren wie soziale Situation des Stadtviertels, Migrantenanteil, Ganztagsangebote sowie besondere Förderangebote)

d. wenn möglich Differenzierung nach Herkunft (Migrationshintergrund/kein Migrationshintergrund) und Geschlecht

e. wenn möglich Vergleich zu nicht städtischen Schulen in München und Quoten in anderen Großstädten

2. eine Übersicht über Maßnahmen zur Senkung der Wiederholer- und Abbrecherquoten und deren Erfolge vorzulegen (mit Best-Practice-Beispielen aus einzelnen Schulen und Schularten)

3. darzulegen, mit welchen Maßnahmen und Programmen eine weitere Senkung der Wiederholer- und Abbrecherquoten möglich wäre (ggf. in Zusammenarbeit mit der TUM School of Education)

Begründung

„Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen.“

Dieser Erkenntnis von Prof. Jürgen Klemm aus seiner im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung im Jahre 2009 verfassten Studie schloss sich unlängst Prof. Manfred Prenzel, Gründungsdekan der TUM School of Education, an:

„Die Forschungsbefunde, die belegen, dass Klassenwiederholungen wenig nützen, reichen zurück bis in die frühen siebziger Jahre. Sie zeigen, dass das Sitzenbleiben pädagogisch fragwürdig und teuer ist, schließlich muss jedes zusätzliche Schuljahr bezahlt werden. [...] Studien zeigen, dass Schüler mit Lernproblemen, die trotzdem versetzt werden, am Ende bessere Leistungen erzielen als Sitzenbleiber.“

Trotz dieser Erkenntnisse hat in Deutschland immer noch mehr als jeder fünfte 15-Jährige schon einmal ein Jahr wiederholt. Die Quote liegt mit 21,4 % (Stand 2009; im Jahre 2003 waren es 23,1 %) über dem EU-Durchschnitt von 16 % und noch deutlicher über dem Durchschnitt des in den PISA-Vergleichsstudien seit Jahren erfolgreichstem europäischen Landes Finnland, in dem nur 2,8 % der 15-Jährigen durch Klassenwiederholungen schon mindestens ein Jahr verloren haben.

Bayern nimmt wiederum im Ländervergleich eine unrühmliche Spitzenposition ein: 4,8 % der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowie 5,2 % der Realschülerinnen und Realschüler wurden im Schuljahr 2009/2010 nicht in die nächst höhere Klasse versetzt. Und in Großstädten wie München liegen die Quoten noch über dem Landesdurchschnitt. Im Gymnasium haben im genannten Schuljahr z.B. 6.6 % der Schülerinnen und Schüler das Klassenziel nicht erreicht.

Bundesweit entstehen durch diese hohen Wiederholerquoten finanzielle Mehrbelastungen von fast einer Milliarde Euro. In München werden die jährlichen Kosten auf 30 Millionen Euro geschätzt. Ein Großteil dieser Kosten wären besser in einen weiteren Ausbau der individuellen Förderung investiert, um einen optimalen Schulerfolg zu sichern. „Die Kosten, die vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Klassenwiederholungen verursachen gelten als wesentlich niedriger, als die, die dadurch entstehen, dass Schülerinnen und Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gehen.“

In Hamburg wird gerade sukzessive das Wiederholen abgeschafft und das eingesparte Geld innerhalb des Programms „Fördern statt Wiederholen“ in zusätzliche kostenlose Unterstützung gesteckt.

Kostenlose Fördermaßnahmen etwa im Kontext von Ganztagsangeboten können gerade sozioökonomisch benachteiligten Schichten zugute kommen, bei denen die Kinder weniger Unterstützung durch das Elternhaus genießen und die Familien sich keine teuere Förderung durch private Nachhilfe leisten können. Der Münchner Bildungsbericht hat ja gezeigt, wie stark die soziale Spreizung beim Schulerfolg ist und dass etwa die Wiederholerquoten bei ausländischen Kindern und Jugendlichen doppelt so hoch sind wie bei Deutschen.

Fraktion Die Grünen – rosa liste

Initiative:
Dr. Florian Roth
Jutta Koller
Sabine Krieger

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