Mittwoch, 20. September 2017

Grüne reagieren auf Knoblochs Kritik an Stolperstein-Hearing

P R E S S E M I T T E I L U N G
08.10.2014

 

Fraktionsvorsitzender Florian Roth hat heute in einem offenen Brief auf die Kritik reagiert, die die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, an dem geplanten Stadtrats-Hearing über die sog. Stolpersteine geübt hat.

 

An die Präsidentin der
Israelitischen Kultusgemeinde
München und Oberbayern
Frau Charlotte Knobloch

Sehr geehrte Frau Präsidentin Knobloch,

Sie haben sich gestern in einem Brief betreffend Ihre Teilnahme an dem vom Stadtrat beschlossenen Hearing zur Erinnerungs- und Gedenkform der sog. Stolpersteine an den Kulturreferenten Herrn Dr. Küppers gewandt. Dieser Brief wurde heute durch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung öffentlich.

Sie wundern sich vielleicht, dass ich mich in dieser Form an Sie wende, da ich ja in diesem Brief an den Kulturreferenten nicht explizit angesprochen werde. Zu möglichen Missverständnissen betreffend Ihre geplante Teilnahme an dem Hearing kann und will ich natürlich nicht Stellung beziehen.

Da Ihr Brief mir gestern aber auch zur Kenntnisnahme per Boten zugestellt wurde und Sie darin – jetzt durch den SZ-Artikel auch öffentlich – die Initiative einer solchen Diskussionsveranstaltung kritisieren, fühle ich mich als Initiator dieses Hearings gezwungen, Ihnen gegenüber und auch öffentlich Stellung zu beziehen.

Ich kenne und verstehe Ihre Gründe der Ablehnung der Stolpersteine – auch wenn ich sie nicht zu teilen vermag. Schon vor nunmehr 11 Jahren haben wir darüber persönlich in einem Gespräch, an dem auch der damalige grüne Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag teilnahm, ausführlich diskutiert. Damals haben Sie Ihre Ablehnung als Ihre persönliche Haltung formuliert und durchaus Respekt für das Engagement zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erkennen lassen (auch wenn Sie diese bestimmte Form nicht billigen). Ihre Haltung haben Sie seitdem mehrmals öffentlich wiederholt.

In Ihrem gestrigen Schreiben bezeichnen Sie den Versuch, diese Debatte zehn Jahre nach dem Beschluss des Stadtrats in Form eines Stadtratshearings wieder aufzunehmen, als „würdeloses Schauspiel“, „das einige Profilneurotiker mühevoll und unerbittlich erzwungen haben“.

Wenn diese Kritik allein mir persönlich gälte, könnte ich sie auf sich beruhen lassen. Wenn ich Ihren Brief richtig lese, gilt sie aber allen, die sich für die „Stolpersteine“ einsetzen. Sie fragen rhetorisch: „Gibt es ernsthaft Menschen, die hierin nicht allein ein obsessives Kunstprojekt, sondern eine angemessene zukunftsweisende, erkenntnisorientierte Form des Gedenkens sehen, eine Bereicherung unserer Erinnerungskultur?“

Und da antworte ich: Ja, die gibt es. Und es gibt viele davon. Und nicht nur unter den Nachgeborenen ohne eigene Erfahrung des Grauens und ohne persönliche, etwa familiäre Betroffenheit. Ich erinnere nur an Peter Jordan, der tief bewegt aus Großbritannien anreiste, als in Bogenhausen im Mai 2004 ein Stolperstein für seine Familienangehörigen verlegt wurde. Al Koppel, den ich persönlich kennenlernen durfte, sagte mir, wenn Stolpersteine für seine Familienangehörigen verlegt würden, könnte es seine Familie wieder übers Herz bringen, zu einem Besuch aus den USA in das Land der Mörder ihrer Angehörigen zu reisen. Es gibt viele dieser Fälle – von Verfolgten der Nazi-Terrorherrschaft über Nachfahren von Opfern bis zu Vertretern verschiedener Opfergruppen. Und auch in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gibt es, wie Sie natürlich wissen, viele Befürworter der Stolpersteine (und diese nicht nur in der jüngeren Generation).

In Deutschland herrscht unter den Demokraten im Allgemeinen ein breiter Konsens über den hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Auch bei einer Kontroverse über die richtige Form dieses Gedenkens im Einzelfall muss der Wert dieses Konsens bewusst bleiben. Unser Anliegen, das Anliegen des Kulturreferats, das Anliegen des Stadtrats (der bis auf die Stimme des Nazis dieses Hearing einstimmig beschlossen hat), ist es, diese Debatte auf sensible Weise und ohne Verletzungen (und zwar auf keiner Seite) wieder aufzunehmen. Deshalb wurde eben kein Streitgespräch, sondern eine Aufeinanderfolge von Statements verabredet. Und natürlich werden sowohl Befürworter als auch Gegner dieses Projekts eingeladen. Dabei ist es ganz selbstverständlich, dass Sie sowohl als Vertreterin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern als auch angesichts ihrer Lebensgeschichte und Lebensleistung dazu eingeladen wurden.

Ich bitte Sie auch persönlich darum, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Das Kulturreferat wird, da bin ich mir sicher, alles dafür tun, dass dieses Hearing mit höchstem Respekt vor den widerstreitenden Meinungen abläuft.

Ich stehe Ihnen auch jederzeit sehr gerne für ein Gespräch zur Verfügung.

Vielleicht kann es doch eine Lösung geben, die den Emotionen auf allen Seiten einigermaßen gerecht wird.

In dieser Hoffnung grüße ich Sie herzlich

 

Florian Roth
Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen – rosa liste

 

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